2024_09_05-09_Transalp

Oliver ist mit einigen Freunden seit über 15 Jahren jeden Herbst mit dem Rad in den Bergen unterwegs. Bormio, Davos, Drei Zinnen, … die Liste ist lang und wird länger. Heuer bin ich eingeladen mitzufahren (warum eigentlich?) und es geht auf eine „kleine“ Transalp“ vom Brenner nach Meran. Akribisch vorbereitet und geplant von Oliver, starten wir zu viert, Martin, Gerald, Oliver und ich am Donnerstag um halb fünf in Premstätten. Flott und ohne große Pause geht es in den Westen. Am Brenner schaut der Regen her, was anders geplant war, die Route über den Stattelberg ist mit Wolken verhangen, was gar nicht gewünscht ist und Parkplatz gibt es auch keinen, was absolut undenkbar scheint.

Also geht es zurück nach Österreich nach Mutters in den Bikepark. Dort soll der Regen erst in ein einigen Stunden kommen und der Parkplatz ist gegen ein entsprechendes Entgelt auch ausreichend vorhanden. Um halb zwölf sitzen wir am Rad und strampeln die steile Forststraße bis zur Muttereralm hinauf. Von dort wird es auf der Piste bis zur Bergstation der Bahn noch steiler. Nach eindreiviertel Stunden schauen wir hinunter ins Inntal, nach Innsbruck und hinüber zur Nordkette. Die Pause ist kurz, weil der Wind erfrischt und runter geht es umso flotter auf dem geshapten Trail. Guide Oliver weiß, wo es hingeht, Martin und ich wissen es besser, alle Trails kommen unten bei der Talstation wieder an. Das tun sie auch, aber nicht bei jener, bei der wir gestartet sind. Also nehmen wir einen herrlichen Waldweg hinüber und hinauf ein paar Höhenmeter zusätzlich zurück in den Bikepark Mutters. Unten bliebt noch Zeit zum Chillen auf der Sonnenterrasse und dann geht es ins Quartier nach Sterzing. Statt Wellness gönnen wir uns ein empfehlenswertes Abendessen im Nepomuk. Martin verhungert fast, weil sein Vorspeisensalat zu meinem wird und seine Pizza zwischen die Zeilen der Bestellung fällt. Am Ende ist alles gut, Martin bekommt gerade noch rechtzeitig vor der lebensbedrohlichen Unterzuckerung zu essen. Das Einzige, was dann noch fällt, ist der Regen.

Am zweiten Tag, den wir aufgrund der vielen Feuchtigkeit mit einem ausgiebigen (zeitlich wie kulinarisch) Frühstück beginnen, führt uns über Nebenstraßen nach Mareit und Masseria zur Kaffeepause mit Brot und Graukäse. Von dort geht es am Ridnauner Schau-Bergwerk vorbei, zur Moarbergalm auf 2100 Meter. Wir stärken uns noch einmal, das Essen ist gut und reichlich, die Hüttenleute sind sehr freundlich, am Kachelofen trocknen unsere nassen Leiberln und frisch ausgeruht geht es gut 500 Höhenmeter hinauf zur Schneebergscharte. An Fahren ist nicht mehr zu denken, das Schieben wird mit den vielen groben Steinen und Steilheit sehr mühsam, also kommen die Räder hookabike auf den Rücken. Zügig steigen wir in die Wolken hinauf. Es ist entrisch und feucht. Schultermassagen, Energiegummibärli und Trinkpausen erleichtern, den Anstieg. Gerald geht sein Tempo und oben angekommen empfängt uns und der frische Südwind, der die Wolken aus dem Süden heranschiebt. Die Schneeberghütte liegt keine 300 Meter tiefer, ist aber im Nebel nicht zu sehen. Der Wanderweg hinunter ist bis auf die Kehren, die teilweise einfach zu eng sind, gut zu fahren und einigen Tiefenmetern später kommt die Hütte in Sicht. Nach acht Stunden, 35 Kilometern Weg und 1850 Höhenmeter Aufstieg erreichen wir das Herrenhaus der Knappensiedlung, die in ihren besten Zeiten für tausend Menschen ein Zuhause war. Die Hütte ist feudal; Große Räume, Duschen ohne Münzen und ein ausgiebiges Essen, dass uns die Bäuche platzen. Für das Alm-Jacuzzi sind wir zu fertig und es geht recht früh ins Bett.

Das Schönwetter will nicht kommen. Es ist bedeckt aber trocken als wir am dritten Tag zur Stettiner Hütte aufbrechen. Zuerst stehen tausenddreihundert Tiefenmeter Abfahrt über Trails, Forststraßen und die Timmelsjoch Bundesstraße am Plan. Den Trail über Rabenstein lassen wir aus, weil wir Zeit und Energie für den weiten Anstieg zur Stettiner Hütte sparen wollen. So erreichen wir in weniger als einer Stunde Moos in der Passeier und radeln von dort über Nebenstraßen, teilweise steil, das Tal hinauf nach Pfelders. Nach einem Kaffee und einigen Telefonaten geht es weiter zur Lazinser Alm, wo wir zwischen Wandernden und E-Bikenden Hirtennudeln und Kaiserschmarren schmausen. Die neunhundert Höhenmeter Anstieg hinauf zu Stettiner Hütte flößen Respekt ein, kaum fahrbares Terrain, meist zum Schieben, aber doch neunhundert. Von der Alm fahren wir kein hundertfünfzig Meter und dann geht es ans „Schieben“werseinFahrradliebt…“. Hinter uns kommt ein E-Biker die steilen Serpentinen hinauf, als wir gerade die Räder auf die Schultern nehmen. Der E-Biker dreht genau dort um, wo wir zum Tragen beginnen. Es ist steil und ein wenig ausgesetzt, aber Schritt für Schritt geht es gut. Einige Radler kommen uns entgegen. Wo wir Tragen schieben die meisten auch bergab. Ich bleibe öfters beim Tragen, das mir bei den vielen großen Steinen und Stufen leichter fällt. Mein Rad wiegt aber auch fast ein Drittel weniger als die Downhill-Bikes von Gerald und Michael, die durch die Rahmengeometrie und die steilen Anstiege, die vor allem Martin hinauffährt, für E-Bikes gehalten werden. Ich bin jedenfalls froh über das leichte CrossCountry-Rad und trage noch ein Stück. Als wir höher steigen werden die Wolken wieder dichter, die kurzen Sonnenfenster auf der Alm sind passe. Dazwischen wird es wieder flacher und wir fahren zur Abwechslung 100 Meter, Martin voll motiviert das doppelte, bevor es die letzten Meter zur Hütte wieder steil wird und zumindest mein Rad wieder eine Zeit lang am Rücken landet. Nach drei Stunden taucht der imposante lawinensichere Beton-Stahlbau der Stettiner Hütte dann im Nebel auf. Weniger müde als am Vortag, aber auch gut erschöpft setzten wir uns nach achteinhalb Stunden auf und mit dem Rad ans Abendessen. 34 Kilometer waren es heute und wir haben fast tausendvierhundert Tiefenmeter und tausendneunhundertfünfzig Höhenmeter in den Beinen. Das Wetter verhindert zwar die tolle Aussicht, aber sie bewahrte uns bei den Aufstiegen vor dem Hitzekollaps. Nach der 30 Sekunden Dusche haben wir es lustig beim Abendessen und Oliver behauptet seinen Anspruch auf eine Steckdose im Zimmer. Es gibt vier davon, also geht es fast konfliktfrei vonstatten.

Die Nacht ist kurz und unruhig. Wir merken die Höhe von fast 2900 Meter. Außerdem starten Oliver und ich um 4:15 Uhr auf die Hohe Wilde, weil wir den Sonnenaufgang oben erleben wollen. Die sechshundert Höhenmeter zum Gipfel gehen wir entspannt an, weil wir sonst zu früh oben sind und gehen doch nicht langsam genug. Um sechs Uhr in der Dämmerung erreichen wir den Gipfel und die Sonne kommt wohl erst eine Stunde später über den Horizont. Das Panorama, dass wir endlich zu Gesicht bekommen, ist gewaltig. Untern im Tal hat sich wieder Nebel gebildet und rundherum ragen die Gipfel aus dem Nebelmeer. Der Himmel ist azurblau bis rosarot und die Berge heben sich dunkle ab. Rundherum sind die Gletscher(reste) zu sehen. Um unseren Zeitplan nicht zu sehr zu strapazieren und zu sehr auszukühlen, machen wir uns nach einer viertel Stunden wieder auf den Weg nach unten. Der ist deutlich einfacher als beim Aufstieg in der Dunkelheit erwartet. Es ist doch weniger ausgesetzt als die Finsternis suggeriert hat und der Weg ist gut ausgetreten, größtenteils fest und gutzugehen. Um viertel nach sieben sitzen wir beim Frühstück und stärken uns für die Etappe über Naturns zum Alpengasthof Jocher am Lärchenbüchl westlich von Meran. Zweitausenddreihundert Tiefenmeter und vierzehnhundert Höhenmeter warten auf uns. Der Wetterbericht gibt uns Zeit bis etwa 15 Uhr, das sollte sich ausgehen.

Um kurz nach acht Uhr sitzen wir wieder am Rad und steigen die wenigen Höhenmeter zum Eisjöchl hinauf. Dann geht es zuerst den gelegten Weg hinunter, der in einen herrlichen Trail mündet. Die Tiefenmeter wollen nicht enden. Beim Eishof wechseln wir vom Trail auf die Forststraße und einen selektiven Wanderweg (T2) der uns bis hinunter in das Schnalsertal führt. Die letzten siebenhundert Höhenmeter hinunter nach Naturns fahren wir mangels Alternative auf der Straße und lassen es laufen. Unten angekommen sehen wir hinauf zum Lärchenbühl und die dichten Wolken oben gefallen uns nichts. Wir konsultieren noch einmal den Wetterbericht und beschließen direkt nach Meran zu fahren und die Tour abzubrechen. Im Flachen strampeln wir den Radweg entlang. Einmal fangen wir den Windschatten von zwei Rennradfahrer*innen und lassen uns hinterherziehen und haben Spass dabei. Vor Meran geht es dann noch einigen Rad-Weg-Serpentinen hinunter. Die 30er Beschränkung ist uns egal und wir haben Spass in den engen Kurven. In Meran müssen wir feststellen, dass die italienische Bahn heute und morgen streikt. Der Weg zurück zum Auto in Sterzing wird zur Gestaltungsaufgabe und braucht Geduld. Der Zug bringt uns zuerst zwar nach Bozen, aber dort ist mit der Eisenbahn Schluss. Alle Regionalzüge Richtung Brenner werden erst zeitnah zur Abfahrt gestrichen und wir sitzen Stunden am Bahnsteig. Die Lösung ist das ein Taxi nach Sterzing, das gut 45 Minuten im Stau steht. Nach gut sechs Stunden geht es endlich im Auto los und wir fahren Richtung Österreich. Zum Abschluss genießen wir ein ausgezeichnetes Abendessen beim Lodenwirt. Kurz nach Mitternacht sind wir nach einem schnellen Ritt durch Nacht und Regen wieder im Lande.

Danke für die Aufnahme in dieser feinen Runde, die feinen Tage am Rad und Berg und die lustige Zeit an den Abenden in den Hütten. Das Essen war super und ausreichend und die Meter hinauf haben gut gepasst. Ich hoffe auf mehr und etwas neues im nächsten Jahr, auch wenn es vielleicht kein Radbergsteigen mehr ist! Fein wäre es aber schon!

Danke für die Fotos an Martin, Gerald und Oliver.

vor 2 Jahren

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